Verschickungskinder

Ein lange verdrängtes Kapitel westdeutscher Nachkriegsgeschichte

Mit großer Spannung habe ich auf das Buch „Das Elend der Verschickungskinder“ von Anja Röhl gewartet, das Ende Januar 2021 rausgekommen ist. Als ehemaliges Verschickungskind ist mir das Thema und seine Aufarbeitung ein sehr großes Anliegen.

In diesem Buch wird zum ersten Mal ausführlich über das bis jetzt weitgehend unerforschte Thema Kindererholung und Kinderkuren geschrieben.

Im westlichen Nachkriegsdeutschland wurden von den 1950er Jahren bis weit in die 1980er Jahre hinein 8 bis 12 Millionen Kinder im Alter von 2 bis 14 Jahren meist für 6 Wochen, teilweise jedoch für mehrere Monate, alleine ohne Eltern auf „Erholung“ oder auf „Kur“ geschickt.

Eigentlich sollten die Kinder dort eine gute erholsame Zeit mit anderen Spielkameraden haben, vor allem weil die meisten Heime in schönen, für Kuren bekannten Gegenden wie Meer oder Gebirge lagen. Die Realität sah für viele Kinder ganz anders aus.

Ohne genau zu wissen, wohin die Reise ging und wie lange 6 Wochen ohne eine vertraute Person waren, wurden die Kinder von den Eltern zum Bahnhof gebracht, mussten sich dort verabschieden und wurden dem fremden Aufsichtspersonal übergeben, die ihnen meist ein Schild mit einer Nummer um den Hals hingen. Hier gab es schon die ersten Tränen und für einen Großteil der Kinder sollten noch viele viele folgen.

Ganze Züge voll von verunsicherten Kindern fuhren  stundenlang teilweise ein ganze Nacht zu den jeweiligen Kindererholungs- und Kinderkurheimen.

Jetzt nach jahrzehntelangem Schweigen beginnen ehemalige Verschickungskinder ihre Erinnerungen an ihre Erholungs- und Kuraufenthalte öffentlich zu machen. Es sind schmerzhafte und traurige Erinnerungen, die sich sehr ähneln z.B. die Angst und die Qual des Aufessenmüssens, stundenlanges Sitzen vor dem nicht leergegessenen Teller, gewalttätige Einfütterungen bis zum Erbrechen und dem Zwang das Erbrochene noch mal aufessen zu müssen.

Es gibt viele Erinnerungen an Verbote und Bestrafungen. So durften die Kinder nur zu ganz bestimmten Zeiten auf die Toilette gehen, dazwischen war es nicht erlaubt und wurde mit Wegsperren in Waschräumen, Besenkammern und Kellern gestraft. Besonders hart wurde das Bettnässen bestraft, denn zu den obigen Strafen kamen noch die absichtlich von den „Tanten“, wie die Kinderbetreuerinnen genannt wurden, herbeigeführten Demütigungen vor der ganzen Kindergruppe.

Ein Großteil der Kinder hatte furchtbares Heimweh und weinte viel, meist jede Nacht stundenlang, was die Tanten oftmals verboten oder das Kind deswegen vor der Gruppe lächerlich machten.

Erinnert werden Schläge mit der Hand ins Gesicht und mit Holzprügel auf andere  Körperteile, Abduschen mit eiskaltem Wasser aus Schläuchen, das Trinken von bitteren Flüssigkeiten, das schmerzhafte und brutale Einstechen von Spritzen, lautes Anschreien und Ausschimpfen, eine insgesamt sehr strenge und liebelose Behandlung durch die Tanten und den Kurärzten.

Im Buch von Anja Röhl und auf der Seite https://verschickungsheime.de/ beschreiben viele ehemalige Verschickungskinder ihre Erinnerungen an die qualvolle Zeit in den Kindererholungs- und Kinderkurheimen. Es tut weh, all die traurigen Berichte zu lesen. Doch sie geben mir das Gefühl, ich war nicht allein, andere haben dasselbe oder ähnliches wie ich erlebt.

Im Untertitel des Buches heißt es Kindererholungsheime als Orte der Gewalt. Welches System stand dahinter und was waren die Ursachen für die dort herrschende Gewalt? Wer waren die Verantwortlichen? Dieses Buch gibt erste Antworten darauf und bringt Licht in das bisher noch unerforschte Thema der Verschickungskinder.

„Das Elend der Verschickungskinder“ Kindererholungsheime als Orte der Gewalt von Anja Röhl, Psychosozial-Verlag 2021

Im Januar 2021 erschien ein weiteres sehr spannendes und aufschlussreiches Buch. „Die Akte Verschickungskinder“ wie Kurheime für Generationen zum Albtraum wurden von Hilke Lorenz. Beltz Verlag 2021

Als ehemaliges Verschickungskind aus Deutschland, während meiner Kindergartenzeit im Alter von 6 Jahren wurde ich für 4 -6 Wochen auf Erholung geschickt, frage ich mich, ob es diese Kindererholungen und Kinderkuren auch in Österreich gab. Wie haben Betroffene ihre Aufenthalte in Erinnerung? Ich freue mich, wenn sich ehemalige österreichische Verschickungskinder melden.

Herzliche Grüße

Renate Brüser

4 Antworten auf „Verschickungskinder“

  1. Heute lese ich zum ersten Mal über die Verschickungskinder und bin entsetzt darüber. Das Buch werde ich mir gleich nächste Woche besorgen.

  2. Ich kenne den Begriff „Verschickungskinder“ gar nicht, bei uns in Kärnten hieß dies früher in den 60er „Sommerfrische“ oder einfach nur „Erholung“.

    1. Lieber Toni C,
      mein Name ist Silas Degen, ich bin Hörspielregisseur und beschäftige mich seit einem Jahr mit der Kinderverschickung. Derzeit möchte ich Näheres zur Verschickung in Österreich herausfinden und Ihr Kommentar ist eine der wenigen Quellen, wo sie (bislang) überhaupt Erwähnung findet. Darf ich Näheres erfahren und Sie um eine möglichst zeitnahe Kontaktaufnahme unter silas@jungepresse-online.de bitten? Besten Dank!

  3. Herzlichen Dank für diesen Blog! Ich finde es wichtig, dass endlich Licht in dieses dunkle Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte kommt und dass das Leid der ehemaligen Verschickungskinder gewürdigt wird.
    Sofern die betroffenen Institutionen noch bestehen, sollten sie sich zumindest um eine symbolische Entschädigung bemühen, die die seelischen Wunden der Kinder anerkennt.

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